Generation '22: Chanson mit Seele
Wenn andere Jubiläen begehen, dann schwelgen sie in Erinnerungen. Le Pop ist anders:
Unsere Nummer 10 schaut nach vorn. Sie ist jünger, femininer und souliger als ihre
Vorgänger. Und stellt 16 neue Namen vor, die zuvor auf keiner anderen Ausgabe zu finden
waren. Die neuen Stars heißen Emma Peters, Iliona, UssaR, P.R2B, Ariane Roy und
Clou. Viele dieser Namen stehen am Anfang ihrer Karriere, haben bisher erst eine EP, ein
Album oder ein paar Singles draußen und doch ist spürbar, dass diese neue Generation das
Nouvelle Chanson prägen wird. Nicht alle sind Newcomer, aber Künstlerinnen und Künstler
wie KCIDY, Voyou, Malik Djoudi und Laura Cahen haben in den letzten 4 Jahren (so lange
ist Le Pop 9 schon draußen) eine so fulminante Entwicklung gemacht, dass wir sie diesmal
unbedingt vorstellen wollten. Dazu gesellen sich Schauspielerinnen wie Edwige, Elisa Erka
und Suzanne Lindon, die sich zum ersten Mal als Sängerinnen präsentieren. Ganz
besonders erwähnenswert: Camélia Jordana – einerseits als Musikerin in der Charts-Welt
etabliert, anderseits César-prämierte Schauspielerin, trägt sie in dieser illustren Runde sicher
den glamourösesten Namen.
Doch was macht sie aus, diese neue Generation? Zuerst einmal das Offensichtlichste: Nur
vier der hier vorgestellten Stimmen sind männlich. Das Chanson wird weiblicher und
orientiert sich damit an den Erfahrungen der letzten 20 Jahre. Denn meistens waren es die
Frauen der aktuellen Szene, die sich in der Breite auch im Ausland durchgesetzt haben (man
denke nur an Zaz, Coeur de pirate und Angèle). Le Pop 10 ist nicht nur femininer, die neue
Generation ist auch viel stärker durch die Präsenz von HipHop und R'n'B geprägt. Ein
richtiges Crossover findet zwar nicht statt, dafür merkt man, dass das heutige Chanson
grooviger geworden ist, soul-lastiger auch und punktuell tatsächlich Rap-Anklänge mitliefert.
Besonders deutlich wird das bei P.R2B, die gelegentlich in den Sprechgesang wechselt, bei
Emma Peters, die sogar ein ganzes Album mit Coverversionen von französischen Rap- und
R'n'B-Hits veröffentlichte, bevor sie eigene Songs aufnahm und bei UssaR, der als
Bühnenmusiker auch Rapper wie Kery James und Youssoupha begleitet. Vielleicht nicht
ganz so deutlich, aber wunderschön und subtil binden Iliona aus Belgien (was für eine
Entdeckung!) und Ariane Roy aus Kanada Soul-Elemente in ihre Musik mit ein. Selbst bei
Uptempo-Nummern wie "Le confort" von Voyou ist ein Hauch Motown zu spüren.
Selbstverständlich fehlt auch diesmal nicht der Einfluss von britischem Pop und Americana.
Die Band Palatine etwa ist gitarrenlastig, bringt Folk-Elemente mit und verbindet dies sehr
elegant mit Chanson-Tradition. Bei Laura Cahan finden wir Einflüsse der Cocteau Twins,
Kate Bush aber auch Anklänge an Camille oder Keren Ann. Eine erstaunliche Entwicklung
legte KCIDY hin, die nach einer längeren Phase des Experimentierens mit Elektro und Wave
auf einmal einen mit Vocal-Harmonien, Kraut- und 70ies-Elementen veredelten Gitarrenpop
aus dem Hut zaubert, der nur theoretisch aus der Zeit zu fallen scheint und sich doch ganz
harmonisch in den Gesamtklang der Compilation einfügt.
Und dann ist da auch noch Edwige, eine belgische Schauspielerin, der es nicht mehr
genügte gelegentlich auf Theaterbühnen zu singen. Sie hat ein traumhaftes, in dezenten
Gitarrenarrangements ausgekleidetes Debüt-Album aufgenommen, das im Herbst 2022
erscheinen soll. Ihren Song "Corps & Ame" hat sie uns vorab exklusiv für diese Compilation
überlassen. Den Tipp, uns mit Edwige zu beschäftigen, bekamen wir übrigens von Albin de
la Simone (seit Le Pop 2 immer wieder vorgestellt), der auch schon ein Duett mit ihr
aufgenommen hat.
Mit De La Simone, seit seiner Arbeit für Carla Bruni und das Durchbruch-Album von Pomme
(Le Pop 9) einer der meist gebuchten Produzenten der Szene, sprachen wir anlässlich
seines Konzerts bei der Kölner Reihe "Le Pop La Série" über junge Künstlerinnen wie Iliona,
Clou, Emma Peters und über deren Karrierewege. Dabei machte er uns auch auf Ariane
Roy aufmerksam. Wie sie sind viele der hier vorgestellten Namen Labelmates oder Protegés
etablierter Künstler.
Das sind nicht immer zufällige Beziehungen. In Frankreich erntet das neue Chanson zudem
immer mehr die Früchte des Casting-Show-Booms der letzten 15 Jahre. Hier bekommen
viele Teilnehmer irgendwann die Chance mit renommierten Musikern zusammenzuarbeiten.
Carla de Coignac zum Beispiel flog zwar noch vor dem Finale bei "Nouvelle Star" (2017)
aus dem Wettbewerb, trotzdem nahm Louane (die bei der Konkurrenz-Sendung "L'école des
stars" entdeckt wurde) fünf Songs in ihr Repertoire auf, die die Aussortierte für sie
geschrieben hatte. Teilnehmerin der gleichen Show war auch Camélia Jordana, allerdings
schon 2009. Jordana scheiterte damals im Halbfinale, bekam aber beim Major Sony einen
Vertrag. An ihrem Debüt-Album arbeitete sie mit Jean Felzine (Mustang, auf Le Pop 8
vorgestellt), BabX (Le Pop 8), "L" (Le Pop 7) und Mathieu Boogaerts (seit Le Pop 1 dabei)
zusammen. Inzwischen ist Jordana in der Musik- und Filmwelt etablierter Star und Celebrity.
Wir lernten sie abseits glamouröser Welten bei einer "sièste acoustique" kennen, einem
speziellen Konzertformat in Paris, bei dem das Publikum tatsächlich Siesta hält. Dort trat sie
mit Le Pop-Künstlern wie Armelle Pioline (Holden), BabX und Siesta-Gastgeber Bastien
Lallemant auf. An diesem Beispiel sieht man einmal mehr, wie durchlässig die französische
Szene geworden ist. Jordana ist heute ihre eigene Songwriterin – bei dem hier vorgestellten
Song, dem wunderbar groovenden "Jusqu'au bout des cils" stammen Musik und Text aus
ihrer Feder.
Der Mainstream zeigt sich immer wieder offen für Impulse von Indie-Acts, Kooperationen
zwischen diesen scheinbar gegensätzlichen Szenen sind inzwischen nahezu
selbstverständlich und verschaffen dem Underground zusätzliche Unabhängigkeit.
Le Pop 10 zeigt die Vielfalt dieser Welt auf authentische Weise und formt daraus eine
kohärente Einheit. Wie immer hat auch diese neue Ausgabe keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Wir lassen bewusst Künstler außen vor, die manche Fachleute hier erwarten
würden, die aber nicht "unsere Tasse Tee" sind. Im Vergleich zu ihren Anfängen ist die
Szene heute dynamischer und diverser. In den 50er und 60er Jahren haben Jazz und Brazil
ihre Einflüsse im Chanson der Gegenwart hinterlassen. Zu Beginn der Le-Pop-Reihe waren
es Indie, Electro und Reggae. Heute sind darüber hinaus die Einflüsse von HipHop und R'n'B
zu spüren. Das neue Chanson ist in Bewegung und wird es sicher auch in Zukunft bleiben
quête:sieste
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Third LP of Cabaret Contemporain, French band (featuring Fabrizio Rat on keys) who use acoustic instruments (piano, guitar, bass, drums, contrabass) to produce a « hand-crafted » club music infused with techno. Inspired by Jeff Mills, Robert Hood or Drexciya, the five members already had a career on classical scene; their idea is not to replay classical techno tunes but to create a new path for the electronic music. 2 tracks featuring with the label boss, Arnaud Rebotini.
« Ballaro », which opens Cabaret Contemporain's third album, begins with light percussions, which seem to turn on themselves, while being conveyed by reverberations close to dub. After a few minutes of convolutions, the piece gets out of hand, transporting the listener into a rich form of pulsating trance, irrigated by a soaring melody and punctuated by persistent piano tones. « La selva »; more subdued, has the same energy, the track ending in an even more powerful way, a kind of paroxysm.
Finally, the strangest and most minimal « Cactus », features a singular groove, which evokes the most brutal house from Chicago, or the sometimes obsessive techno from Detroit. Just like other tracks such as « Transistor » or « TGV », fuelled by sweat and trance, Séquence Collective bears all the intensity of a techno cut for clubs' dancefloors. The only difference being that their music is not played with synths, drum machines or software, but with acoustic instruments. Dual curriculum The band is composed of five musicians and a sound engineer: Fabrizio Rat on piano, Giani Caserotto on guitar, Julien Loutelier on drums, Ronan Courty and Simon Drappier on double bass and of course Pierre Favrez on console. They are all in their thirties and met at the prestigious Paris Conservatoire in the late 2000s. However, all the musicians in the band have a double curriculum and navigate freely between the institutional realm and the underground or pop music scenes. Through classical or contemporary music, jazz and improvisation, rock and experimentation, they share a common passion for the original and futuristic techno of the 1990s, that of Jeff Mills, Robert Hood or Drexciya, which they have decided to reinvent and further in their own way. Not as a simple stylistic exercise practiced by virtuoso musicians, but rather as a new path for modern music, and for their generation. « The original idea » they say, « was to make club music by hand, like craftsmen. Like in the early days of jazz, our band managed to transform itself into a kind of dancing machine. Our music is therefore functional because it is danceable, but also mental and abstract, while offering several layers of listening. You can dance and play, have a purely physical and sensory connection to the music. But you can also immerse yourself in its listening, perceive refined harmonies or more complex rhythmic superpositions »
If the tones of Cabaret Contemporain are truly unique it is because each member of the band has developed a very personal approach through the use ''prepared'' instruments. The strings of their piano, guitar or double bass may recall strange machines with literally incredible sounds, obtained using objects such as chopsticks, clothes pegs, foil, hangers, a tiny pie mould or many other utensils from a DIY store. A collective energy
Cabaret Contemporain is first and foremost a live band that has been performing in venues and festivals since its inception in 2012 (Nuits Sonores, Siestes Electroniques, L'Aéronef, Le Trabendo, Philharmonie de Paris, Gaîté Lyrique, Rewire, Dancity, Barcelona Accio Musical...), both at traditional jazz and contemporary music venues, and more often at electro music hubs. When facing the audience, the band, which plays each of its sets in one go, without a break, shows an intense physical presence, which competes with the musical power of DJs who share the stage with them. Their performance, full of tension and repetition, which requires maximum concentration and a state close to trance from the musicians, is sometimes, according to them, « a mental journey and a mystic experience ». A dimension that brings to mind the historical techno culture and its dancers who, communicating on the dancefloor, were carried until the early hours of the morning by the power of the beat. An album inspired by the stage Since their beginnings, their compositions on record have drawn their energy directly from the practice of their concerts, whether referring to Terry Riley (2014) or Moondog (2015), an EP and an album dedicated to the repertoire of the two American artists, the original compositions of Cabaret Contemporain (2016) and Satellite EP (2017), as well as this new album. Séquence collective can be listened to as a condensed transcription of their inventions and their live experiments. The tracks, more than half of which were improvised during sessions held in the former Vogue studios near Paris, were recorded in live conditions, « like an old school rock band » they say. As usual, they invited a new musician to join them in the studio. After collaborating with Étienne Jaumet or Château-Flight, Arnaud Rebotini, César winner for best film music, added a welcome synth touch on two tracks (Pro- One, Prophet 600), which boosted the group's formidable collective energy. The album ends with « October Glide », again performed with Rebotini, a lyrical and lively track, built on a powerful and slow progression of timbres and percussions, which would ideally find its place at the core of a techno party « peak time »
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